ceci n'est pas une blague
Markus Jakob
Onkel Hos Hütte vs. Thieus Crypto Section
Categories: Anderswo

Mir träumte, ich lebe in einer Holzhütte, einer Art Pfahlbau, wo mir Ho Chi Minh einen Besuch abstattete. Alles spielte sich aufs Manierlichste, Zivilisierteste ab. Beim Erwachen fiel mir auf, dass in Wirklichkeit Onkel Ho in einer Holzhütte gelebt hatte, die ich kurz zuvor in Hanoi besucht hatte. Bei Ho scheint alles verkehrt herum zu laufen. Damit meine ich weniger die urbane Legende, laut der er 1913 in London, als er dort im Hotel Carlton unter keinem Geringeren als Escoffier die Confiseurskunst erlernte, in einem Flur Mae West gekreuzt und sie angesprochen haben soll, worauf es zu einem so hastigen wie heftigen Techtelmechtel zwischen dem grazilen Asiaten und der üppigen Blondine gekommen sei, was in seltsamem Gegensatz zu Hos späterem, als spröd zu bezeichnenden Lebensstil zu stehen scheint, sondern den sonderbaren Sachverhalt, dass sich in Hanoi heute in nächster Nähe zu seiner Hütte die dem Lenin-Mausoleum nachempfundene Grabstätte befindet, die wir anders als seine Hütte nicht besuchen konnten, weil der dort ausgestellte einbalsamierte Leichnam des kommunistischen Führers gerade zur einmal jährlich fälligen Revision nach Moskau verfrachtet worden war.

Vietnam zog mich aus verschiedenen Gründen an: aus einer Ahnung seiner Schönheiten und seines unbändigen Straßenlebens, aber gewiss spielte da auch Nostalgie herein: als knapp Fünfzehnjährige waren wir 1969 durch die Straßen von Bern gezogen und hatten Ho-Ho-Ho-Chi-Minh” skandiert, um uns beim Besuch des Generals Westmoreland – so hieß der amerikanische Oberbefehlshaber wirklich – von Wasserwerfern unsere Levi’s-Jacken versauen zu lassen. Was ein fast so wichtiges Ereignis wie der Vietnamkrieg selbst war.

Der Vietnamkrieg wird in in Vietnam logischerweise der Amerikanische Krieg genannt. Würden wir alle amerikanischen Kriege nach 1945 als solche bezeichnen, könnte uns ein wenig schwindlig werden.

Onkel Hos Hütte habe ich im November 2011 bei meiner zweiten Reise nach Vietnam besucht. Sie steht in einem von teils fast modernen Kolonialbauten charakterisierten Stadtteil in einem Park, der wie gesagt auch Hos Mausoleum sowie das unsäglich überkandidelte Ho Chi Minh Museum aufnimmt, und in dem man vietnamesische Soldaten in ihren tadellosen Uniformen teils in mehr oder weniger strammer Formation herummarschieren, teils locker Eiscrèmes schlecken sieht.

 

Das Stelzenhaus Ho Chi Minhs – vietnamesisch Nha San Bac Ho – evoziert zwar die Pfahlbauten, in denen ein Großteil der ländlichen Bevölkerung des Landes lebt; aber natürlich ist es anders als die Hütten des Volks aus den feinsten Hölzern gebaut und in seiner Einfachhheit so bezaubernd, dass mir unweigerlich der Gegensatz zum Präsidentenpalast, heute Wiedervereinigungspalast in Saigon, den ich bei meiner ersten Reise im Juli 2005 gesehen hatte, auffallen musste.

Dieser Gegensatz zwischen dem Habitat des damaligen nord- und des südvietnamesischen Herrschers – Nguyen Van Thieu – ist allerdings bestürzend. Wir sprechen von den 1960er Jahren. Thieus Vorgänger Diem hatte den von abtrünnigen Kampfpiloten zur Ruine gebombten Präsidentenpalast 1962 neu aufbauen lassen. Der Vietnam bzw. Amerikanische Krieg endete, als ein nordvietnamesischer Panzer die Pforten dieses Palastes am 30. April 1975 durchbrach. Er wurde, wie Onkel Hos Hütte in Hanoi, tel quel erhalten und als “Wiedervereinigungspalast” in ein Museum umgewandelt. Und so wandelt man nun durch die plüschigen Gemächer der amerikanischen Marionette Thieu – und durch das düstere, mit seinen Funkanlagen wie die Karikatur einer Spionagefilmkulisse anmutende Untergeschoß.

Onel Ho:

Nguyen Van Thieu:

Onkel Ho:

Nguyen Van Thieu:

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