ceci n'est pas une blague
Markus Jakob
«Solamente una vez», aber bitte jede Nacht. Eine Mexikakophonie
Categories: Américas

[Mai 2000]

 

«Kommen Sie am Nachmittag wieder, dann wird Comandante Delfino Sie empfangen.»

Sie waren zuvorkommend, sehr zuvorkommend, die Polizisten von der Wache an der Plaza Garibaldi. Sie haben ja auch ein ganz spezielles Revier, sind zuständig sozusagen für die musikalische Ruhe und Ordnung der Stadt Mexiko. Nichts Ungewöhnliches, wenn da nachts um zwei eine Polizistin einem Gitarristen mit der Stimmgabel zur Hand geht: «Das Mi bitte, Eugenia.» Zu dieser Stunde ist der Platz schwarz von Musikern, zumal an Wochenenden. Aber Achtung: Mariachis trifft man an der Plaza Garibaldi 365 Tage im Jahr, zu jeder Tages- und Nachtzeit. Selbst am Vormittag sind entlang der Avenida Lázaro Cárdenas immer einige «Elemente» präsent – wobei elemento den einzelnen Instrumentalisten meint. El Mariachi hingegen bezeichnet primär das ganze, in klassischer Formation acht oder neun elementos bzw. mariacheros umfassende Ensemble. Über 4000 Musiker sollen es sein, die hier regelmässig aufspielen und/oder auf Engagements warten. Und nun stelle man sich einmal die Ruhe und Ordnung vor, wenn einige hundert solcher elementos gleichzeitig ihre Stimmen, ihre Violinen und Trompeten, ihre Vihuelas und Guitarrones ertönen lassen. Gegen diese Kakophonie können und wollen Wachtmeister Delfino und seine Leute nichts ausrichten. Haben sich um genug andere Elemente zu kümmern.

*

 «Comandante, zunächst herzliche Grüsse von Don Javier vom Tenampa.» «Er ist hoffentlich wohlauf», entgegnete Delfino mit einem Zartgefühl, das Hollywood-Filme mexikanischen Ordnungshütern gewöhnlich nicht zutrauen. Wir konnten das gute Befinden des Besitzers von El Tenampa – eines mythischen, übrigens unmittelbar neben der Polizeiwache liegenden Mariachi-Lokals – ohne weiteres bestätigen, hatten wir doch eben mit Don Javier gefrühstückt: exzellente Quesadillas und etliche, etliche Gläschen «Herradura Reposado».

Uns selbst brauchten wir dem Comandante nicht lange vorzustellen. Wir hatten uns seit Tagen an der Plaza Garibaldi herumgetrieben, und unsere Anwesenheit war den für die Sicherheit des Platzes Verantwortlichen um so weniger entgangen, als man hier verwunderlich wenig Fremder ansichtig wird. «Ja, das Image des Platzes ist nicht das beste», räumte der Comandante ein. «Und Touristen, vor allem die Nordamerikaner, sind nun einmal ängstlich.» Dabei sei die Delinquenz in den letzten Jahren um 80 Prozent zurückgegangen. Dreissig bis vierzig Beamte, teils in Zivil, lasse er allnächtlich ausschwärmen. Wir können hier bestätigen, dass die Plaza Garibaldi nachgerade eine Oase der guten Gesittung ist. Nur wer zu Abschweifungen in Seitengassen neigt, hat Grund, an die Möglichkeit des Beraubtwerdens überhaupt zu denken: dem Ruf der Gegend als «Barrio bravo» werden sie noch eher gerecht als der Platz. Dennoch wird er von vielen Tour Operators prinzipiell gemieden, andere lassen ihre Schäfchen allenfalls einen flüchtigen Blick durch die Fenster des klimatisierten Reisebusses werfen. Viel haben die davon natürlich nicht. Die dürren Explikationen einer Tourbegleiterin sind ja wohl kein Ersatz für schmetternde Trompeten und den Schmelz aus hundert Kehlen.

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In der Geschichte der Plaza Garibaldi gibt es wenig Gewissheiten. Über die Herkunft des Namens heisst es, sie trage ihn – circa seit 1921 – nicht etwa zu Ehren des italienischen Freiheitskämpfers, sondern eines in Mexiko gelandeten Enkels desselben, von dem sonst kaum etwas bekannt ist. Der Begriff Mariachi wiederum wird gewöhnlich mit dem französischen mariage assoziiert: weiss gewandet, sorgen Mariachis bei kirchlichen Trauungen bis heute für Stimmung. Doch diese Volksetymologie war zweifelsohne ein Stachel im Fleisch der Mexicanidad. Bis es gelang, eine indianische Herkunft des Wortes – mit divergierenden Lesarten, aber jedenfalls vor der französischen Invasion von 1862 – nachzuweisen. Auffällig übrigens, wie dünn gesät die Literatur zur mexikanischen Nationalmusik, wie man sie wohl nennen darf, etwa verglichen mit dem Tango ist. Der Katalog der Nationalbibliothek enthält zum Stichwort Mariachi keinen einzigen Eintrag; was Bände über diese Bibliothek spricht, aber noch nicht das letzte Wort zum Thema Mariachi ist. Da gab es doch, erinnerte sich ein Kellner im Tenampa, vorzeiten dieses amerikanische elemento, Johnny, der eine profunde Broschüre dazu verfasst habe. Heute natürlich unauffindbar. Ein anderer wusste von einem Kompendium zu berichten, an dessen Entstehung er selbst beteiligt war und von dem es noch ein Exemplar in der Universitätsbibliothek geben müsse. Wir kamen dann mit zwei andern Traktätchen im Gepäck nach Hause. Aber es wäre ja nun nicht am Platz, statt des Panoramafensters der Bustouristen eine literarische Trennscheibe zwischen uns und den Mariachis zu errichten.

Die Kommunikation wurde freilich dadurch erschwert, dass es sich bei den Musikern von der Plaza Garibaldi um eine ziemlich wortkarge Spezies handelt. Drücken sich vorzüglich in vollendeten, etwa von Agustín Lara verfassten Versen aus. Kam dazu, dass sie oft, kaum war man mit einem von ihnen ins Gespräch gekommen, unversehens von den Kollegen zurückgewinkt wurden: «Entschuldigen Sie, aber wir scheinen da gerade eine Verlobung zu haben.»

Einer, der immer Zeit für uns hatte, war Javier Aguilera, der das traditionsreichste Nachtlokal am Platz führt: El Tenampa (Etymologie: schleierhaft. Man glaubt el hampa, das Lumpenpack, herauszuhören.) «Hier trifft sich einfach alles, vom kleinen Ganoven bis zum Intellektuellen, dazu noch ein paar japanische Touristen.» Diese Mischung sei in einem Land, in dem die Oberschicht sich sonst peinlich abschotte, etwas Einmaliges, schwärmte Don Javier und spendierte eine erste Runde Tequila. Er habe das Tenampa vor zwei Jahren von seiner verstorbenen Schwester übernommen, habe vorher als Anwalt für Pepsi und Henkel gearbeitet («alles in Butter», bewies er seine Deutschkenntnisse), sei aber mit der Welt der Mariachis von Kind auf vertraut. Das Lokal war 1923 von seinem aus dem Staat Jalisco gebürtigen Grossvater gegründet worden. Eben aus Jalisco stammten auch die ersten Mariachis, die sich im Distrito Federal – dem D.F., wie die Hauptstadt gemeinhin genannt wird – niederliessen. In den dreissiger und vierziger Jahren gewann der Mariachi, musikalisch wie äusserlich, seine seither kaum mehr variierten Konturen. Zu den Violinen gesellten sich die Trompeten, und der traje de charro, der reich verzierte Anzug des mexikanischen Herrenreiters, gehört bis heute zum Erscheinungsbild. «Es war der Film, der dieses festschrieb und populär machte, namentlich in der Gestalt von Pedro Infante, dem Gardel Mexikos. In manchen dieser Revolverdramen schmettert er seine Schnulzen eben hier, im Tenampa.» Don Javier orderte noch drei Reposados, bevor er uns die Murales, die das Tenampa zieren, erläuterte: eine fabelhafte Kitsch-Galerie längst verblichener Stars.

Wie im Fall des Tangos setzte der Niedergang der Mariachi-Industrie in den sechziger Jahren ein. Zudem fehlte hier ein Piazzolla, ein Modernisierer, der die Musik von ihrem etwas ranzigen Beigeschmack befreit hätte. Dass dem Mariachi kein Revival beschieden war, wie es in den neunziger Jahren vom Tango bis zum Son Cubano und von der Bossa bis zur Salsa fast sämtlichen lateinamerikanischen Genres zu neuer, weltweiter Popularität verhalf, ist wohl nicht zuletzt auf das kreative Erlahmen der mexikanischen Musiker zurückzuführen. Den Tumult, der sich allnächtlich an der Plaza Garibaldi erhebt, verhindert es nicht.

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Garibaldi liegt in einem Handwerkerviertel am Rand des historischen Zentrums. Stadtauswärts schliesst der enorme Mercado Lagunilla daran an. Nähert man sich dem Platz durch die Calle Nicaragua, kann man nur staunen, wieviel im D.F. geheiratet werden muss: Brautkleidergeschäfte nehmen da ganze Strassenzüge ein. Was nicht der Ironie entbehrt, denn das grosse Thema der rancheras, sones, jarabes und huapangas ist und bleibt das Liebeswerben. Der erste Musiker, mit dem wir sprachen, machte es mit dem ersten Satz klar: «Worum‘s hier geht, ist, die Frau mit dem passenden Lied zu betören. Sie einzustimmen oder umzustimmen, das ist die ganze Kunst des Mariachis.» Don Javier ergänzte dieses Statement des Gitarristen Arturo später mit der Information, es gebe freilich auch die sogenannten chanclas. Die chancla ist ein abgetretener Schuh. Gemäss der ranchera: «La chancla que yo tiro/no la vuelvo a levantar.» (Die Latsche, die ich wegwerf/heb ich nicht wieder auf.) Brüsker als mit dem Engagement eines Mariachis und der Bitte, für die Liebste eine chancla zu intonieren, kann man ihr kaum den Laufpass geben. Wobei ihr immerhin der Sänger tief in die Augen blicken dürfte.

An markanten Gesichtern und sonderbaren Figuren ist an der Plaza Garibaldi kein Mangel. So gut gestylt wie der alte Arturo kommt freilich nicht jeder daher. Mit seinem millimetergenau gestutzten Bürstchen über der Oberlippe, der farblich dazu assortierten Plasticsonnenbrille (weiss mit Silberstreifen) und dem falschen Kamelhaarmantel hob er sich wohltuend von den Folkloregestalten um ihn herum ab. Gleich darauf sassen wir in der Bar San Luis und Arturo interpretierte mit seinem Trio den unsterblichen Bolero «Solamente una vez»: Nur ein einziges Mal – und den hatten sie nun bestimmt schon zehntausendmal gespielt. Aber war das nicht gerade das Schöne daran: was sie alles wegliessen, um ihren Gitarren nur noch die Perlen leichthin zu entlocken? An der Theke sass eine Hure in einem goldenen Kleidchen und schrieb seelenruhig an einem Brief. Auf einmal stürmte ein anscheinend hochwichtiger Herr herein und alsbald wieder hinaus, eine Señorita im Schlepptau und von mehreren Leibwächtern umgeben, die dann draussen auf dem Platz, als die Getränke serviert waren und ein Mariachi sich formiert hatte, einen zweiten Halbkreis um das Paar bildeten. Für solche Bilder wird man nachher schon fast blind, weil es ihrer zuviele gibt.

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Wir hätten diesen Artikel gern mit einer eindrücklichen Frauenfigur gekrönt. Aber die Mariachi-Musik ist zu 99 Prozent Männersache, auch wenn es in Mexiko nie an grossen weiblichen Stimmen fehlte: Chavela Vargas etwa oder Lola Beltrán, die an der Plaza Garibaldi mit einem Denkmal geehrt wird, unmittelbar neben dem eines gewissen Méndez Sosa, der Inschrift zufolge Autor von «Cucurrucucu Paloma». Diese Denkmäler, acht an der Zahl, sind freilich kein Ersatz für die Bäume, die 1996 dem Umbau und Einbau eines unterirdischen Parkhauses zum Opfer fielen. Viele trauern auch dem grossen Brunnen nach, in dem sich nachts die borrachos erfrischten, sehr zum Verdruss der Obrigkeit, die ihnen diese Badegelegenheit nun genommen hat. «Früher war der Platz einfach schöner», das bestreitet niemand, obwohl er jetzt autofrei ist; andererseits, seit dem Abriss des legendären Folies, auch offen zur sechsspurigen Avenida Lázaro Cárdenas. Dort wurde die Kundenvorfahrt angelegt, trottoirseitig mit einem Gitterboden, unter dem die Metro vorbeidonnert; dahinter die grosse Pergola, unter die sich bei nassem Wetter – und in der Regenzeit sind allabendliche Niederschläge garantiert – männiglich flüchtet. Da verquicken sich dann die lieblichen Melodien vollends zum Heidenlärm.

Freitag, 22.30 Uhr. Es hat aufgehört zu regnen. Umrahmt vom Mariachi Los Caporales in voller Aktion, steht ein Dodge Ram Charger bei der Vorfahrt, eine junge Dame im hochgeschlitzten Kleid an die Kühlerhaube gelehnt, auf der die obligate Tequilaflasche steht. Der schon reichlich angesäuselte Soupirant und Chauffeur dieser Karosse, der seiner Angebeteten und uns allen aber immerhin dieses Spektakel offeriert, spricht weiterhin dem Herradura Reposado tüchtig zu, notabene unter dem wachsamen Auge eines Beamten aus dem Corps von Comandante Delfino. Kann sich denn hier jeder Verkehrsteilnehmer nach Belieben volllaufen lassen? «Gewiss doch. Solange er keinen Unfall baut.» So wie man nachts ja auch Rotlichter nicht zu beachten braucht – wenn man dabei nicht gerade einen Streifenwagen zu einer Vollbremsung nötigt, wie wir noch am selben Abend erfahren sollten.

Vorläufig gab es jedoch auf dem Platz selbst genug zu sehen. Die hochgeschätzte, hochgeschlitzte Schönheit stimmte inzwischen in die Gesänge des Mariachis ein, was keineswegs ungewöhnlich ist. Viele Leute kommen nicht nur zum Hören, sondern zum Selbersingen hierher. Auch in diesem Fall wird aber einer der Begleitmusiker nach jedem Stück gewissenhaft ein Strichlein auf ein Zettelchen malen: für die Abrechnung. Wer nun denkt, ein alter Gassenhauer wie «Guantanamera» könne gerade einem Mexikaner nur noch ein müdes Lächeln entlocken, der sollte einmal sehen, mit welcher Inbrunst eine zufällig zusammengewürfelte Schar den Refrain mitsingt: das Delirium. Gleich daneben spielen zwei Alte ungerührt eine Partie Dame mit Flaschenverschlüssen. Was uns daran erinnert, dass wir auch wieder mal Nachschub brauchen, diesmal bei einem ambulanten Händler, wenn man denn mit diesem Wort einen Menschen bezeichnen kann, der seine hochprozentige Ware seit 37 Jahren auf demselben Mäuerchen feilhält, «Nacht für Nacht, bis ins Morgengrauen.» Ob er da der rancheras nicht allmählich überdrüssig ist? Ach, die seien für ihn nurmehr eine Klangwolke. Gegen sechs Uhr früh gehe er gelegentlich noch ins gegenüberliegende Tropicana (schöner Saal übrigens), um Salsa zu tanzen.

Die Musiker selbst nehmen in der Regel keinen Alkohol zu sich. Als Alternative bietet sich eine ziemlich eigenartige Erfrischung an: Orangensaft mit Wachteleiern, wie alles in Mexiko mit Salz, Zitrone und Chile zu würzen. Der Mann, der einen Supermarkt-Einkaufswagen entsprechend aufgemöbelt hat, gehört genauso zum Personal des Platzes wie der mit einem Sortiment Sombreros ausgerüstete Photograph, wie die Frau, die Taxikunden bei Regen mit dem Schirm zum Wagen geleitet oder wie die Schuhputzer mit ihren thronartigen Gestellen, auf denen sich die mariacheros ihre Stiefel unter einem von Coca-Cola gesponserten Baldachin polieren lassen. Die seltsamste Attraktion sind aber zweifellos die toques. Das ist ein Aggregat mit zwei über Kabel angeschlossenen Metallstäben, mit denen sich ganze Tischrunden elektrisch aufmuntern lassen. Der Mutigste ergreift die Stäbe, die übrigen fassen sich bei den Händen, der toques-Mann dreht auf: Und dann kichern sie los und zucken herum, während im Hintergrund der Mariachi-Chor «Ay-ay-ay-ay-ay» kräht.

*

Zwischen den Mariachis, vor allem den grossen Ensembles, herrscht dauernde Rivalität: als möchten sie sich gegenseitig vom Platz singen, blasen und fiedeln. Und obwohl man meinen könnte, die Musiker kennten einander allmählich, beobachten sie ihre Konkurrenten beim Spiel mit gespannter Aufmerksamkeit. Einen guten Mariachi zu engagieren ist übrigens nicht ganz billig: bis zu 200 Pesos für ein einzelnes Lied, ein einstündiges Rezital kommt demnach auf annähernd 1000 Franken zu stehen. Das heisst nun nicht, dass die Musiker in Saus und Braus leben. «No hay chamba», zu wenig Arbeit, diese Klage hört man oft. Anstrengender als das Spielen sei das Warten. Mit jeden Lied muss sich der Mariachi neu beweisen, und man kann sich ausmalen, was das für eine vierzig oder fünfzig Jahre dauernde Karriere, die nicht über die Plaza Garibaldi hinausführt, bedeutet. Einige wenige schaffen den Sprung in die höheren Sphären der Plattenindustrie, des Fernsehens, der Japan-Tourneen… Garibaldi sei ein Spiegelbild der mexikanischen Gesellschaft, hatte schon Don Javier gesagt. Was er damit meinte, war eigentlich nur: Hoffentlich wird es immer einen mexikanischen Mittelstand geben, der sich für die Geburtstagsparty einen Mariachi leisten kann.

Der Platz selbst ist eine Dreiklassengesellschaft. Im hinteren Teil gehen die Einzelgänger um, die von keinen grossen Ambitionen mehr geplagt werden. Ich erinnere mich an einen Alten mit Federhut, tadellos gebundener Krawatte, der mit seiner Gitarre durch den angrenzenden Mercado San Camilito schlich, wo wir eben die unwahrscheinlich scharfen Gerichte der Küche von Jalisco – Birria, Pozole, Alambre, Tepache – gekostet hatten. Ob wir etwas hören möchten, fragte der Troubadour. Eine Ballade bitte, sagte ich, «Solamente una vez» noch im Ohr. Und dann sang er mit zitternder Stimme, die gegen das Schlagergeplärr von den Fernsehschirmen nicht aufkam, ein himmeltrauriges Lied von einem nach Sibirien Deportierten. «Ach wissen Sie, die wirklichen Balladen sind die russischen. Hier haben wir doch bloss Boleros.»

Wieder andere Musik, andere Stilrichtungen hört man in der Mitte des Platzes. Viele der Gruppen hier sind nicht Mariachis. Da ist einmal die Música Norteña, mit Akkordeon und Schlagzeug – «lüpfig» möchte man sie nennen: schon texanisch beeinflusste «Hudigäggeler», was auch im Tenue dieser Quartette zum Ausdruck kommt: Stetson, Halfter usw. Und da sind die stets ganz in Weiss gewandeten Musiker aus Veracruz, zu deren Instrumenten die Harfe gehört, die bei den Mariachis durch die drei Saiteninstrumente Requinto, Vihuela und Guitarrón verdrängt wurde.

*

Samstag, 00.45 Uhr. Tohuwabohu an der orilla, dem Westufer des Platzes. Der Dodge Ram Charger ist inzwischen mit seiner hochgeschlitzten Fracht verschwunden. Aber eben hat sich der Mariachi Querido México, aufgeboten von einem jungen Mann, der sein Liebesansinnen telephonisch vermitteln will, um eine Sprechzelle versammelt. Auf deutsch würde man wohl sagen, er bringe seiner Liebsten «ein Ständchen». Bleiben wir jedoch für derlei Balz- und Brunftgesänge lieber bei dem züchtigen Ausdruck serenata. Zu bedauern sind alle weiblichen Geschöpfe, denen nie im Leben eine Serenade dargeboten wurde. In Mexiko sind das zum Glück die wenigsten, denn Serenaden gehören hier zur Allnacht.

Auch uns war nun nach einer solchen zumute – einer Allnacht, einer Serenade –, doch mussten wir eingedenk der Telmex-Tarife und der Tatsache, dass in Europa Samstag früh um acht war, auf die telephonische Variante verzichten. Blieb, mangels mexikanischer Mädchenobjekte, nur die Möglichkeit, uns einem einheimischen Schmachtfetzen anzuschliessen. Da! kletterte eben eine Gruppe in den mariachieigenen Kleinbus. Ob es zu einer Serenade gehe? Und ob wir mitfahren dürften? Gewiss doch; nur war in dem Vehikel leider kein Platz mehr. Taxi herbeigewinkt – einen jener grünweissen Käfer, von deren Benützung das State Department nordamerikanischen Bürgern dringend abrät, seit einmal einer als Kadaver abgesetzt wurde –, und los ging‘s: an der Spitze der Kunde, in der Mitte der Mariachi-Bus, hinten wir im Taxi. Der Fahrer nahm seinen Verfolgungsauftrag ernst – so ernst, dass er nach wenigen Kilometern beim Überfahren eines Rotlichts beinahe einen Streifenwagen rammte. Sirenen, Blinklichter, Lautsprecher: «¿Todo bien?» fragte der Beamte lakonisch, bevor er uns auf Waffen abtatstete. «Das sind doch nur Ausländer», versuchte der Chauffeur zu beschwichtigen, denn offenbar argwöhnten die Polizisten, wir seien, und nicht unbedingt als Opfer, in irgendeine Missetat verwickelt. Auf der Rückfahrt – unser Mariachi war inzwischen natürlich in der Nacht entschwunden – durften wir uns die Schilderung der von unserem Chauffeur in seiner bisherigen Taxikarriere erlittenen Verwundungen – Einschüsse, Messerstiche, kleinere Schrammen – anhören. Dieselben Geschichten, die einem jeder Taxifahrer erzählt. So ist der D.F.: gross genug, um alles, auch die Gewalt, als Mythos zu hätscheln.

Wir gaben nicht auf. Die Plaza Garibaldi, und namentlich die orilla, waren so turbulent wie zuvor. Gerade hatte sich der munizipale Abschleppdienst einen in vierter Reihe geparkten Sünder ausgesucht, als der Besitzer des fraglichen Autos im letzten Moment einstieg und davonfuhr, worauf der Abschleppwagen mit der Megaphondurchsage «¡No sea cobarde!» – verdammter Feigling! – die Verfolgung aufnahm, während die Polizei ununterbrochen ihr «¡Aváncese, aváncese!» durchgab, auf dass der Verkehr nicht ganz erliege. Da! waren schon wieder einige Jugendliche aus gutem Haus – man nennt sie fresa, Erdbeeren – mit einem Mariachi handelseinig geworden. Taxi herbeigewinkt, und los ging‘s; aber nur zweihundert Meter weit. Dem Kunden war nämlich eingefallen, dass er das Orchester noch gar nicht zur Probe hatten aufspielen lassen. Schon sprangen die elementos aus ihrem Bus, setzten die Instrumente an, gaben drei fulminante Takte zum Besten – okay: Jetzt konnte es wirklich losgehen. Diesmal wären wir allerdings beinahe mit einem startenden Jet zusammengestossen: Die Serenadenempfängerin lebte in der Nähe des Flughafens. Endlich eine stille Strasse – still so lange, bis unsere elementos vor dem betreffenden Haus das erste Lied anstimmten, alsbald unterstützt von den Juchzern, den Pfiffen, dem Chor der Freundesgruppe. So süss, so lieblich, dass selbst in der Schweiz nur ein ganz herzloser Nachbar die Fenster mit dem Hinweis, es sei drei Uhr nachts, aufgerissen hätte. Aber wo blieb die also Angebetete? Man konnte wohl begreifen, dass sie sich zuerst den Schlaf aus den Augen reiben und sich ein wenig hübsch machen musste, bevor sie sich zeigte. Nun aber drückte einer der Trompeter schon den Trichter seines Instruments an den Briefkastenschlitz und trillerte aus Leibeskräften hinein, als endlich ein Lichtlein anging und kurz darauf eine kleine dicke Liese, die diesen ganzen Aufwand anscheinend für ziemlich normal hielt, unter der Tür erschien. Und dann küssten sie sich. Denn Mexikaner, die können küssen und küssen und küssen, ob ein Mariachi dazu spielt oder nicht.

*

Dann gibt es die Ungeküssten. Zum Beispiel die Frau, die tagein tagaus, Sitcomhelden vis-à-vis, in ihrer winzigen Parterre-Wohnung gleich neben der Plaza Garibaldi Blechnieten auf die Anzüge der mariacheros näht. Früher waren sie aus Silber, diese Zierknöpfe. Dreissig bis vierzig Stück pro Hosenbein.

Diese Frau ist Teil der kleinen Zulieferindustrie der Mariachis. Ihre Spuren finden sich überall im Barrio. Der Nachbar ist Geigenlehrer – versuchte gerade einem Violonisten, der sein Gewerbe an der Plaza seit dreissig Jahren ausübt, schliesslich doch noch die korrekte Haltung beim Musizieren beizubringen. Ab Blatt spielen kann er nicht – wozu auch, wenn er zweitausend Standards im Kopf hat? Ein anderer Schüler dieses Mannes hat es hingegen, via Plaza Garibaldi, zum ersten Violonisten des Symphonieorchesters von Atlanta gebracht. Der Gitarrenbauer Umberto wiederum, der so gemütlich vor seiner Werkstatt an der Calle Perú das Griffbrett einer Vihuela schleift, ist mit diesem Dasein glücklicher als einst, da er als Mitglied des berühmten Mariachi Vargas um die Welt reiste. Wieder andere bringen es nie über den D..F. hinaus: der Hutmacher etwa, der uns die besonderen Qualitäten von Kaninchenhaar erklärte, und der uns die Technik vorführte, mit der die von ihm selbst entworfenen Bordüren aufgenäht werden. Mindestens drei Anzüge hat das Mitglied eines guten Mariachis im Schrank hängen. Den Stoff nennt man hier «casimir», auch wenn er mit Kaschmir nichts zu tun hat, ausser dass er für das Klima viel zu warm ist. «Mariacheros müssen leiden», bestätigt einer der Ausstatter.

In dieser Hinsicht hat es ein Einzelgänger wie Arturo einfacher. Auch ihm fiele es nicht ein, sein Äusseres zu vernachlässigen, und auch er kann sich keinen echten Kamelhaarmantel leisten. Aber der talí, das Händchen, mit dem das Tragband an der Gitarre befestigt wird, ist doch aus Silber und mit echten Zirkonen besetzt.

Samstag, 04.45 Uhr. Zurück in der Bar San Luis. Arturo und vier andere Gitarristen spielen, nur so für sich, einen Bolero nach dem andern. Es wäre zum Heulen schön. Aber man kann sie nicht hören, denn irgendein junger Büffel drückt gleichzeitig an der Jukebox einen grässlichen Schlager nach dem andern. Man hört sie nicht, sie hören sich selbst nicht, und doch spielen sie immer weiter.

 

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