ceci n'est pas une blague
Markus Jakob
Kaleidos-tokyo

Fragmente einer Initiation (I)

CREME DE LA CREME. Der Waggon der Keisei Line, die den Reisenden von Narita Airport nach Ueno bringt, funktioniert wie eine ästhetische Dekompressionskammer: als tauche man aus dem ewigen Ramsch zum ersten Mal in eine wirklich geordnete Welt auf. Manches von dem, was uns später in Tokyo an ein Zukunftsmärchen erinnerte, nahm diese Zugfahrt vorweg. Man landet in einer 30-Millionen-Stadt, deren Sprache, Sitten und Bewegungsformen man nicht kennt und die einen mit einer sinnverwirrenden Fülle fremder Zeichen empfängt; und doch scheint plötzlich alles viel einfacher. Schon eine japanische Fahrkarte ist nicht irgendein Billet, sondern setzt uns als Ausdruck einer detailbesessenen (aber keineswegs verspielten, sondern immer zweckgerichteten) Kultur in Erstaunen. Traumwandlerisch gelangt der in eine andere Zeitzone entführte Körper auf den Bahnsteig der Keisei Line, betritt den zufällig noch leeren Waggon. Köstlicher Moment, in dem die Zerschlagenheit des Langgereisten in glasscharfe Wahrnehmung umschlägt. Die banalste Einzelheit entzückte mich; denn die Beschaffenheit der Dinge selbst schien eine andere als die derjenigen im Westen. Wird man mich für einen Wahnsinnigen halten, wenn ich zunächst die Haltegriffe erwähne und nicht nur ihre Reihung als gleichsam natürlich, sondern jeden einzelnen davon zum kleinen Meisterstück erkläre? Ich kann mir auch nicht anders als mit dem Ausdruck crème de la crème behelfen, um die Verschalungen des Waggons zu beschreiben: ein so mild stimmender Farbton, dass vielleicht auch bei uns kein Wandale darauf je einen Kratzer zu hinterlassen wagte. Gewiss: es waren Bestandteile wie die irgendeines Vorortszuges irgendwo auf der Welt; selbst die Blenden, die an die shoji – die lichtdurchlässigen japanischen Papierwände – denken liessen, gibt es überall. Aber all das hatte eine andere, feinere Textur; fast als verberge sich hinter der Oberfläche eine andere molekulare Ordnung. Auf den elektronischen Leuchtanzeigen glitten Strichkombinationen in wechselnden Farben vorbei. Die Lautsprecherdurchsagen schienen meinem exklusiven Hörvergnügen zu dienen. Und über dem Ganzen prangte ein Himmel aus lauter Reklameplakaten, die ihrerseits über und über mit Schriftzeichen aufgefüllt waren – dies wiederum eine Vorwegnahme des stadträumlichen Musters, jenes dicht gewebten Teppichs von Ereignissen, neben dessen Dynamik sich europäische Städte wie geschichtsversunkene Rudimente ausnehmen.

Ich bitte nochmals ansetzen zu dürfen. Nach und nach hatten weitere Passagiere den Waggon betreten. Sie löschten augenblicklich und auf immer jenes Bild aus, das wir uns gewöhnlich von der japanischen Gesellschaft machen, geprägt durch den unbeholfenen, für jeden Kitsch empfänglichen und oft genug in Herden auftretenden Touristen. Ein Fächer ging (wie mit einem leisen Ratschen) auf: das waren Kenner, Geniesser, Amüsierte. Sie waren <<bei sich>>. Es gab Gleichgültige und abgestumpft Wirkende, und neben einer sehr vornehmen Dame (Hut, Schleier, tödlicher Blick) auch einige Bauernlümmel. Ab sofort war seltsamerweise auch ich, der ich gerade seit einer Stunde auf japanischem Boden war, für mich selbst kein Fremder mehr.

 

IN PRAISE OF LIGHT. Das Zentrum Tokyos ist leer: kilometerlange Mauern und Wassergräben, Wälder und weite Kiesflächen scheiden den Kaiserpalast vom urbanen Getriebe. Um den unbetretbaren imperialen Bezirk rotiert die Stadt: das Imaginäre, laut Roland Barthes, das sich zirkulär um ein leeres Subjekt entfaltet. An einigen Stellen – gewöhnlich Knotenpunkten des Bahnnetzes – ballt sich die Energie zu solcher Dichte, dass man glauben möchte, in einer einzigen Strasse Tokyos werde mehr Elektrizität verschwendet als in ganz Paris. Was ist Times Square, verglichen mit Shinjuku, anderes als ein ein etwas konfuser Versuch, die Finsternis zu vertreiben? Nur in Tokyo erglüht die Nacht wirklich zum Tag, sosehr, dass man aus dem Innern eines Lokals den Unterschied nicht mehr erkennt. Die immaterielle, aus lauter Geflimmer komponierte Medienfassade, von der es in westlichen Städten gerade einige schüchterne und umstrittene Beispiele gibt, bildet hier die Kulisse ganzer Stadtteile. Sie lediglich als verführerischen Ausdruck des hemmungslosen Kommerzes zu deuten, wird dem Lichterzauber nicht gerecht. Interessanter ist es in diesem Zusammenhang, daran zu denken, dass auch das klassische japanische Haus keine Fassade im westlichen Sinn besitzt. Heute sucht man allerdings in Tokyo vergeblich nach Beispielen dafür. Aber man braucht nur im Nationalmuseum die berühmten Farbholzschnitte des Hiroshige zu betrachten, um überrascht festzustellen, dass der Künstler schon um 1850 die Bildtitel wie leuchtende Billboards in seine nächtlichen <<Ansichten von Edo>> (Tokyos alter Name) integriert hat – fast wie eine Vorwegnahme jener vier bis fünf Stockwerke hohen Neonwürfel, die heute die Buildings von Shibuya krönen, unter denen sich Tokyos Jeunesse dorée ergeht.

Sie sind vielleicht der spektakulärste Ausdruck jener Synthese von japanischer Ästhetik und moderner Technik, über die sich noch Tanizaki in seinem Essay <<Lob des Schattens>> (1933) den Kopf zerbrach. Er konnte nicht vorhersehen, dass Japans traditionelle Farben – das Grün des jungen Bambus, das aus China importierte Zinnoberrot – dereinst in grandiosen Neonchoreographien wiederkehren würden. Und so geisselte er – auf sehr charmante und einleuchtende Weise – den exzessiven Gebrauch des elektrischen Lichts, dabei nicht um Beispiele verlegen, welche die Bedeutung des Schattens in der japanischen Ästhtetik veranschaulichen, vom tiefen, geheimnisvollen Schimmer einer Lackschale bis zu den schwarz bemalten Zähnen seiner Mutter. Keine Frage, dass Tanizaki auch heute eher Gefallen an der Art finden würde, in der Tokyos stilvollere Clubs in Erscheinung treten: mit einem minimalen, abstrakten, gerade an der Wahrnehmungsgrenze liegenden Farbsignal beim Eingang.

In Shinjuku, unweit des passagierreichsten Bahnhofs der Welt, lässt sich der Fortschritt der japanischen Leuchtreklame noch Schritt für Schritt verfolgen: von den kümmerlichen, im Boden verankerten Tafeln der winzigen Spelunken im Golden Gai, die ungefähr dem Entwicklungsstand zu Zeiten Tanizakis entsprechen dürften, über die Lichterschluchten von Kabuki-cho, bis zu jenen irisierenden Aufbauten und wandfüllenden Bildschirmen, auf denen sich tagein tagaus die Elite-Models und die Loreley, die Benetton-Stute und Kyoke Date, das erste virtuelle Teenie-Idol der Welt, ablösen. Kein sinnenbegabter Mensch kann sich dieser Inszenierung der Farben und Zeichen, diesem Flirren aus Pixel und Neon entziehen.

 

RAZZLE-DAZZLE (PUROGURESHIBU ANAKI). Ein guter Rat von Lonely Planet: <<If you had only a day in Tokyo and wanted to see the modern Japanese phenomenon whirring away in high gear, Shinjuku would be the place to go.>> Aber Shinjuku ist nicht der einzige Ort, an dem das urbane Gefüge, die sirrende Energie selbst die eigentliche Sehenswürdigkeit bilden. Auch Roppongi, zum Beispiel, wird seine Wirkung auf den Amateur von Megalopolis nicht verfehlen. Dort habe ich mich in Tokyologie initiiert.

Leider hat Roppongi etwas Grauenhaftes. Und es ist grauenhaft, nicht weil hier der Expressway No. 3 über eine Kreuzung wegsetzt, um die herum alles Reklamegeflicker die Gnadenlosigkeit der baulichen Verhältnisse eher akzentuiert als vertuscht. Beruht nicht Tokyos Vitalität gerade auf purogureshibu anaki – der <<progressiven Anarchie>>, die keine übergeordneten Prinzipien kennt, sondern wildwuchernd den Stadtraum in Beschlag nimmt? In Roppongi hält sich ein Friedhof, kaum grösser als ein Hinterhof, zwischen einem massiven Aufgebot von ausgesprochen seichten nächtlichen Verlockungen. Wenn hier noch irgend etwas an Zen-Tugenden erinnert, dann das unwahrscheinliche, nie abbrechende Gerassel in den Pachinko-Hallen, der Metallkugelhagel, in den die Spieler mit verschränkten Armen starren, den Griff mit einer Münze, einer Telefonkarte festgeklemmt oder mit einem weissen Waschlappen in Idealstellung gehalten. – Was in Roppongi wirklich irritiert, sind die gaijin, die Fremden: unsereiner. Schon unsere saloppe Art, eine gewisse westliche Schlampigkeit, das manchmal sperrige Auftreten sind ein Skandal. In Japan – Kipling hat es vor hundert Jahren so empfunden, und es ist heute nicht anders – sind wir die Barbaren. Deshalb diese peinlich berührte gegenseitige Neugier, wenn im Razzle-Dazzle Tokyos einmal ein westliches Gesicht auftaucht, oder wenn sich zwei Aliens zufällig in der Metro gegenübersitzen. Nur in Roppongi aber begegnen sie einem auf Schritt und Tritt und machen einem – das ist das Grauenhafte – das eigene Anderssein fortwährend bewusst.

 

ROBATAYAKI (DER RETTICHWIRT). Ein Fremder, der etwa Lust auf ein Bier hat, wenn möglich in angenehmer Umgebung, steht vor einem Problem. Es gibt in Tokyo Zehntausende von Bars; bekanntlich trinken die salary men nach Feierabend gern eins über den Durst, und wirklich sieht man sie gegen Mitternacht in hellen Scharen, nicht selten sich gegenseitig stützend, den Bahnhöfen entgegenstraucheln.

Das Problem besteht darin, dass diese Leute – eventuell auf company expenses – irgendwo in einem achten Stock, wenn nicht im zweiten Untergeschoss so herzerfrischend gezecht haben. Die bis auf Dachhöhe reichenden Leuchtbänder deuten es an: Tokyo amüsiert sich vertikal. Wie aber die japanischen Schriftzeichen entziffern? Und wenn sich einzelne Lokale doch in unserem Alphabet anschreiben, so liest man etwa (F steht dabei für floor): 5F IMPRESSIONISM/4F BEFORE CHRIST/3F INFINITY (MOVING AND SIMULATION). Das sagt mehr über die japanische Art, mit englischen Begriffen umzugehen als darüber, wie es an dem betreffenden Ort aussieht. Steigt man doch einmal in einen Lift, so erweist sich SINGULARITY vielleicht als philippinisches Bordell.

Wie paradox diese Verschlossenheit bei gleichzeitig greller Affichage auch anmutet, sie ist wahrscheinlich einfach ein Ausdruck jenes japanischen Bezugssystems, das die Welt strikt in innen und aussen scheidet und aus der Gruppenzugehörigkeit eine lebensbestimmende Kategorie macht. Selbst in Lokalen mit direktem Zugang von der Strasse her verziehen sich die meisten eher in den hintersten Winkel (dies vielleicht auch ein Überrest von Tanizakis Schattenreich…) Aber hat man als gänzlicher Aussenseiter überhaupt eine Chance, in eine so hermetisch anmutende Gesellschaft einzudringen – und sei es nur, um ein Bier zu trinken?

Man muss die Augen offenhalten – und ausserdem kommt einem natürlich die japanische Gastfreundschaft entgegen. Am ersten Abend in Roppongi fiel uns unter all den eher unansehnlichen Portalen ein winziger, kaum mannsbreiter Steingarten auf. Wir durchquerten ihn, schoben den shoji auf und wurden von einer Batterie Köche mit lauten, aufmunternd synkopierten Rufen wie zwei lang vermisste Familienangehörige willkommen geheissen. Es war ein robatayaki, wo dieser joviale Ton zum Service gehört und wo wir aufs vorzüglichste bewirtet wurden. Wir kehrten noch öfter an diesen ergötzlichen Ort zurück, den wir, da wir seinen wirklichen Namen nie erfuhren, in Erinnerung an das ausgezeichnete erste Mahl fortan den Rettichwirt nannten.

 

RAISON D’ETRE. Der Rettichwirt hatte uns, so will es die Sitte, vor dem Aufbruch noch eine Schale Miso Soup verabreicht, und derart gestärkt irrten wir durch die Lichtersuppe von Roppongi; bis mir wieder ein schöner Eingang, eine schmale Treppe in ein Soussol diesmal, auffiel. Raison d’Etre lautete die Anschrift, nebst einem angeblichen, vielleicht auch wirklich von Camus stammenden Zitat. Das Interieur war eine ästhetische Läuterung in Grau. Eine Art Glasgarten, auch wenn dafür nur vielleicht anderthalb Quadratmeter zur Verfügung standen, leitete vom Treppenabsatz in die Bar über. An dieser Schwelle trat uns ein Kellner entgegen und gab bedauernd zu verstehen, dass das Lokal gerade schliesse.

Es stimmt, dass Japan allem Fremden ungemein höflich, aber oft mit einem gewissen Argwohn begegnet. Es ist allerdings auch nicht von der Hand zu weisen, dass ein polternder Texaner in einer Bar wie der Raison d’Etre die Harmonie empfindlich stören würde. Als wir uns schon mit einer knappen Verbeugung verabschieden wollten, liess sich der Barman doch noch erweichen. <<Beer?>> schlug er mit leicht herablassendem Unterton vor. Wir nahmen die Chance wahr und orderten Dry Martini.

Eine Zivilisation wie die japanische, die ein so hochentwickeltes Sensorium für präzise gestische Rituale hat, bringt zwangsläufig auch in der Kunst der Barkellnerei meisterliche Begabungen hervor. Ohne den Dry Martini in den Rang der Teezeremonie erheben zu wollen, kann man doch seine Körpersprache, die Gemessenheit der Bewegungen bei seiner Zubereitung mit den Regeln des wabicha vergleichen. Es gibt wohl keine zweite Stadt, in der alkoholische Libationen so kanonisch und zugleich kinetisch perfekt zelebriert werden wie in Tokyo. Und so wie zur Teezeremonie die bis ins letzte verfeinerte Einfachheit des Ortes gehört, hat auch in der Architektur moderner Nachtlokale ein Minimalismus Schule gemacht, der wabi ist: jenem unentbehrlichen Begriff der japanischen Ästhetik entsprechend, der als Qualität des Kargen, der gewollten Ärmlichkeit, letztlich vielleicht einfach mit less is more zu übersetzen ist: lauter Merkmale, die übrigens auch auf den Dry Martini zutrafen, der nun auf meiner Zunge zerklirrte.

In der Raison d’Etre fühlten wir uns bald als Freunde des Hauses, auch wenn sich die Unterhaltung mit den Künstlern hinter der Theke zwangläufig auf die technischen Termini des Trinkers beschränkte. Aber es gab Gäste, die englisch sprachen, und es konnte hier recht ausgelassen zugehen, wenn man auf die grossen Sofas überwechselte und der Tisch dazwischen sich mit edlen Marken, Weintrauben und anderen Leckerbissen füllte. War das noch wabi? Ich denke schon. Denn karg heisst ja nicht spartanisch (und schon gar nicht billig), und Stil sollte man – gerade in Japan – nicht mit Steifheit verwechseln.

 

LET’S. Auf der Keisei Line, frisch (und wiederum nicht so frisch) angekommen, hatte meine Erschöpfung dazu beigetragen, dass ich die Details der materiellen Wirklichkeit wie losgelöst, als blosse Textur wahrnahm. Zwischendurch war ich eingenickt und hatte die fremden Gesprächsfetzen und Lautsprecherdurchsagen in meine Träume verwoben, indem ich sie simultan in eine mir bekannte Sprache <<übersetzte>>. So war mir das Japanische vom ersten Moment an geläufig.

Wieder erwacht, verstand ich freilich kein Wort mehr, bis auf die hauptsächlich in der Reklamesprache und -schrift häufigen englischen Einsprengsel. Aber welch sonderbare Brocken! Völlig unbekümmert um grammatische Korrektheit, hat Japan sie wie Spielfiguren in seine Sprache eingeführt, und so erscheint uns wasei eigo – Japanese style English – zunächst wie reiner Humbug: Smiling Do! Healthy & Beauty… Menu for Drunker… Der amerikanische Filmkritiker Donald Richie hat eine bei aller Ironie überaus aufschlussreiche Analyse dieser neuen Sprache versucht. Dem äusseren Anschein zutrotz, ist sie ihm zufolge nicht etwa als Variante des Englischen, sondern des Japanischen zu betrachten. Der Steinbruch des Englischen wird ausgebeutet, um Dinge auszudrücken, denen sich Standardjapanisch verweigert. Wie täppisch wasei eigo auch wirken mag, als emotionale Hilfssprache, als suggestives Idiom der modernen Warenwelt erfüllt es seine Aufgabe vorzüglich. <<Hey! This your useful friend, having simple and fashionable exciting, will be active in your life. Table Mate!>> So beredt dient sich einem eine Papierserviette an. <<Let’s enjoy 50s and 60s>> – daran ist nicht viel auszusetzen. Aber: <<Let’s kiosk!>> <<Let’s English!>> <<Let’s sex!>> Und ein karibisches Restaurant empfiehlt sich mit den zutiefst japanischen Worten: <<Aimablement dévoué au rythme et au monotonie simple>> – denn neben eigo ist auch furansu, namentlich natürlich in der Welt des Luxus und der Moden, sehr gefragt.

Allein die unglaubliche Bedeutung, die Luxusgüter und ihre Zurschaustellung in Tokyo geniessen, verlangt eine eigene Sprache. Ausserdem will, auch wer es sich nicht leisten kann, sich täglich bei Bigli und Gucci, bei Issey Miyake und Katharine Hamnett neu ausstaffieren zu lassen, auf das entsprechende firingu (Feeling) nicht verzichten. Daher werden überall in der Stadt, teils an Automaten, wunderschön bedruckte Tragetaschen mit seltsamen Botschaften feilgeboten.

Eines Abends sass ich in der Metro und lauschte einmal mehr ganz ergriffen den Ansagen, dem zarten Ding-Dong, welches das Schliessen der Türen signalisiert. Das ganze Vollkommenheitsstreben Japans liegt in diesem alltäglichen Geräusch, und man kann sich vorstellen, mit welcher Hingabe eine Expertengruppe, assistiert von Kennern der traditionellen japanischen Musik, diesen Zwieklang ausgetüftelt und zur Vollkommenheit gebracht hat. Zufällg fiel mein Blick auf die Einkaufstasche des Mädchens vis-à-vis, auf der stand: <<Just wishing of you. No one can hear this music without being impressed by the beauty of the style.>>

 

IT’S ONLY ISOTAN. Hinter diesem Slogan eines Warenhauses steckt auf den ersten Blick nur ein plumper Übersetzungsfehler: mit only, so scheint es, ist eigentlich unique gemeint. Aber wasei eigo ist viel raffinierter; und bei einem Unternehmen, das jährlich 450 Milliarden Yen umsetzt, dürfte ein solcher Schnitzer ohnehin auszuschliessen sein. Ausserdem ist der Begriff unique in Japan sehr wohl bekannt und sogar – z.B. auf die Einzigartigkeit der japanischen Lebensart bezogen – als yuniku japanisiert worden. <<It’s only Isotan>> sagt im Grunde genau das, was es sagen will. Man versuche nur einmal, den emotionalen Gehalt der Botschaft unvoreingenommen aufzunehmen und ihn dann erst rational nachzuvollziehen. Isotan ist wirklich nur ein Warenhaus… but I like it: smarter kann man den Konsumterror nicht verharmlosen.

Nun fiele einem allerdings ein Wort wie Konsumterror in Japan nie ein. Auf die Unermesslichkeit des kommerziellen Universums, die Unersättlichkeit der japanischen Käufer bezogen, ist es zu schwach, zu anekdotisch; und wiederum zu schroff, gemessen an der Eleganz und dem Understatement – <<It’s only Isotan>> -, mit denen der Luxus in den depatos (von department store) ausgebreitet wird. Die japanische Art einzukaufen ist eben wirklich yuniku.

Gehen Sie hinein, geben Sie sich selber bei Mitsukoshi, bei Matsuya, bei OiOi und wie sie alle heissen, ungeniert diesem Rausch hin: war nicht der Warentausch schon immer die Essenz des urbanen Lebens? Dennoch kann nur der japanische Sinn für Zweckmässigkeit, allem Firlefanz abhold, verhindern, dass dieses Erlebnis zum Albtraum wird. Die europäische Luxusindustrie (wobei Italien Frankreich längst den Rang abgelaufen hat) darf hier mit Kundschaft rechnen, die weiss, dass Geld sein Gutes hat, wenn man weiss, wie es ausgeben. Man muss aber auch die Golf-Abteilung bei Tobu in Ikebukuro (mit 29 Stockwerken das grösste Kaufhaus überhaupt) gesehen haben: ein halbes Geschoss mit lauter Zubehör für Menschen, die den letzten Schrei in Sachen Mütze mindestens so ernst nehmen wie den Sport, den sie oft nur in den umgitterten Übungsgevierten auf dem Dach irgendeines Buildings betreiben können.

Eingedenk der japanischen Sitte, die Strassenschuhe beim Betreten von Innenräumen abzustreifen, verfiel ich eines Tages auf die Idee, die japanische Sockenqualität müsse besonders hoch sein. Sie ist es auch. Aber noch wenn das Produkt, für das ich mich schliesslich entschied, eines Tages löchrig werden sollte, wird mir die Erinnerung an den Rayon Herrenstrümpfe bei Isotan bleiben, aus dem ich beinahe nicht mehr herausfand. An westliche Standards gewöhnt, ist man einfach nicht darauf gefasst, dass auch eine Sockenabteilung überwältigend sein kann.

 

HER LIPS WERE NEVER ANYTHING BUT SMOOTH AND SHINING. Unser Japanbild schwankt seit jeher zwischen zwei Extremen. Aus dem Märchenland, in dem alles so lieblich, so exquisit, so mignon wirkte, dass ein Kipling sich dort zu seiner eigenen Verblüffung wie ein Barbare vorkam und Pierre Loti nach einer zweiten Rikscha schicken musste, um seine im Kaufrausch angehäuften Japoneries in Nagasaki verschiffen zu lassen, wurde binnen einiger Jahrzehnte der heimtückische, dämonische Feind, der sich sein Hiroshima verdiente: die Kehrseite einer Medaille, deren Prägung beidseits stumpf ist. Verwirrlich war für den Westen schon bei der frühesten Kontaktnahme im 16. Jahrhundert, erst recht aber nach der erzwungenen Öffnung des Landes 1853 durch kolonialistisch gesinnte Mächte, dass Japan sich nicht in das gewohnte Schema eines kulturell unterlegenen Volkes fügte. Als es sich entschlossen verwestlichte, wurde es durch sein imperiales Gehabe bald zur militärischen Bedrohung, und eben erst vernichtend geschlagen, lehrte es den Westen auf dessen ureigenem marktwirtschaftlichen Terrain wieder das Fürchten. Man könnte beinahe glauben, <<Fremdes sei letztlich nach Japan gelangt, nicht um hier bloss assimiliert und japanisiert zu werden, sondern um in Japan seine eigentliche Bestimmung und <Vollendung> zu erfahren>> (Kurt Singer). Aber natürlich ist dieser Eindruck, der von Japans Erfolgen als Exportmacht über die Eleganz, mit der die Japaner sich kleiden, bis zur Fingerfertigkeit eines Barmans reicht, seinerseits wieder nur ein Klischee. Denn was uns heute in Asien als westlich erscheint, ist vielleicht schon lange nicht mehr westlich. Die rationalistische Weltsicht gehört uns nicht mehr: so gründlich hat der Westen seinen universalistischen Anspruch erfüllt. Japan führt uns vor, wie der brave technische Fortschritt und die eigenen uralten Codes zu etwas ganz Neuem synthetisiert werden können, und dass sogar merkantile Exzesse nicht jedes delikatere Formbewusstsein plattzuwalzen brauchen. Es ist dasselbe Kaleidoskop (von gr. kalos eidos, schöne Gestalt), das Japanreisende schon immer hingerissen hat.

 

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